Social Engineering meets Beziehung
Wenn es in einer Beziehung heiß her geht und der eine dem anderen plötzlich für einen Moment nicht mehr zu einhundert Prozent vertraut, kann das viele Gründe haben. Es kann sein, dass der Partner Anlass zur Eifersucht gibt, man eine Fernbeziehung führt oder auch dass einfach etwas Unerwartetes passiert. In diesem Fall passierte das Unerwartete. Und da man ja ehrlich zueinander ist, erzählt man sich abends am Telefon folgendes Ereignis:
“Schatz, ich hatte heute einen Liebesbrief in meinem Briefkasten.”, erzählt er – nennen wir ihn Guy (denn das ist er ja schlichtweg). Problem an der Sache: nach eigener Beschreibung läuft er “ziemlich verwatzt” in der Uni rum, dort, wo er von seiner ihm unbekannten Flamme entdeckt wurde. Mit ziemlich verwatzt meint er unrasiert und mit langen Socken, kombiniert mit einer zu kurzen Hose – alles andere als attraktiv also.
Ich denke mir zunächst nichts Schlimmes und frage ihn (natürlich) aus. Und wieder tut sich ein Problem auf: ich bin Journalistin. Soll heißen: ich gebe mich niemals mit nur ein paar Informationen zufrieden, sondern bohre solange nach, bis ich auf Grund laufe. So natürlich auch in diesem Fall.
Gebt mir einen Namen und eine Handynummer und ich google was das Zeug hält. Nun, wer konnte es ahnen (er!), ich gebe mich nicht mit den Infos über die besagte Flamme im StudiVZ zufrieden. Nein, ich muss mehr wissen. Schlimm genug, dass sie schlau zu sein scheint und coole Hobbys wie Karate hat. Sie ist schlank, hat einen südländischen Touch – ist kurzum das Gegenteil von meinem Diät-geplagten Körper.
Irgendetwas Faules muss doch zu finden sein. Was mache ich also? – Ich rufe die Unbekannte an, die einen Brief an mein Territorium geschrieben hat. Hierbei kommt eine Technik zum Zuge, die ich ohne meinen Recherche-Professor an der Uni wohl nicht gelernt hätte: das Social Engineering. Was Hacker benutzen, um an Passwörter zu kommen, nutze ich um meinen Freund auszuspionieren – tolle Sache.
Ich rufe also an … und zwar mehrmals. Dann nimmt sie schließlich den Hörer ab. “Hallo?” Ich antworte schnell: “Hallo Judith, ich bins – Hanna.” (die Namen wurden in dieser äußerst skrupellosen Situation frei von mir erfunden) Verwirrt sagt sie: “Hier ist Susi.” Ich denke nur: okay, das weiß ich … und frage: “Welche Susi?” Sie antwortet: “Susi K…” – ich denke nur: Super, scheint die Richtige zu sein. Bedanke mich und entschuldige mich für die Störung “Muss wohl die falsche Nummer erwischt haben, sorry.” Mit den neuen Informationen finde ich schließlich noch mehr Infos im WWW.
Wissenshunger fürs Erste gestillt. Ob ich ein schlechtes Gewissen hab? Ganz und gar nicht! Muss doch meine Konkurrenz kennen.
(Diese Geschichte ist übrigens prädistiniert für “das Outing” auf Brigitte.de; nur zu empfehlen.)
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